Sa

17

Okt

2009

Peerleader Treffen

Allgemein kann ich leider noch immer nicht sagen, dass es mir hier wirklich gut geht. Das Leben in einem brasilianischen Bergdorf ist sehr anders, als alles was ich bisher kennen gelernt habe. Die Abhängigkeit von den Bussen und anderen Leuten macht mich wahnsinnig. Ich liebe schließlich meine Unabhängigkeit. Außerdem ist es im Rahmen eines Freiwilligendienstes nicht ganz einfach seine Rolle zu definieren, sinnvolle Aufgabenbereiche zu finden, sich gegenüber seinen Kollegen zu positionieren. Es kostet mich viel Kraft, mich hier so einzurichten, dass ich mich wohl fühle. Aber mit etwas Geduld wird es mir hoffentlich in den nächsten Wochen gelingen!

 

Wohnungstechnisch kann ich zumindest vorübergehend bei einer Bekannten in der Stadt Resende unterkommen. Vielleicht wird bald ein Zimmer in einer befreundeten WG frei. Dann kann ich neben Pferden und Hunden auch manchmal etwas Stadtluft schnuppern.


PEERLEADER:
Ich habe gerade zwei schöne, doch auch sehr anstrengende Wochen hinter mir. Meine weltwärts-Stelle ist nur ein kleiner Posten im Rahmen einer größeren Kooperation zwischen meinem deutschen Verein Mirantao und der Schule hier in Mauá. Mirantao ist ein Verein in dem kleinen Dorf Ostrhauderfehn bei Leer in Ostfriesland. Der Verein wurde vor vielen Jahren von dem Haupt- und Realschullehrer Harald Kleem gegründet, um außerschulische Bildungsarbeit für die Dorfjugend zu leisten. Ein Schwerpunkt liegt auf interkulturellem Lernen. So hat er im Laufe der letzten 10 Jahre eine Dreiecks-Kooperation zwischen Deutschland, Brasilien und Südafrika aufgebaut. In allen drei Ländern gibt es kleine Jugendgruppen, die sich unter dem Projektnamen „Peerleader" mit unterschiedlichen Themen wie Gesundheit, Heimat, Umwelt und Theater auseinandersetzen. Einmal im Jahr findet ein Treffen der drei Länder statt, wo sich die Gruppen untereinander austauschen. Dieses Jahr sollte das Treffen eigentlich in Afrika stattfinden, doch da die alte langjährige Kooperation geplatzt ist und nun eine neue aufgebaut wird, wurde das Treffen kurzfristig nach Brasilien verlegt. So hatten wir 12 Tage lang Besuch von einer Gruppe von deutschen Jugendlichen sowie einigen Mitarbeitern des Vereins.

 

Dieser Besuch war sehr gut und wichtig für mich. Nicht alles hier ist so, wie ich es mir vorgestellt habe. Die Gespräche mit meinen deutschen Kollegen zeigten mir, dass sie meine Kritikpunkte verstehen und an denselben Punkten weiterdenken und andere Lösungen suchen. So weiß ich, dass ich die richtigen Leute im Hintergrund habe, auch wenn sie weit weg sind. Es tat außerdem einfach gut, sich in der eigenen Sprache über meine Erfahrungen auszutauschen.

 

Thematische Schwerpunkte des Treffens waren die Theaterarbeit und die Globoscouts. Die deutsche Theatergruppe führte unter dem Titel „Der achte Kontinent" ihr selbst erarbeitetes Stück zum Thema Klimakatastrophe in mehreren Schulen der Umgebung auf. Von den Brasilianern präsentierte sowohl die Schultheatergruppe als auch unsere Gruppe von Mestre Claudio ihre Arbeit. Der Applaus des Publikums sowie die professionelle Hilfe des deutschen Theaterpädagogen Norbert Knitsch ermunterten unsere Theatergruppe das collagenhafte Musiktheater weiter zu entwickeln.

 

Globoscouts sind die Peerleader, die sich mit ihrer Heimatregion beschäftigen. Dabei liegt das Augenmerk ganz bewusst auf der Region, um nicht die gängigen Klischees des jeweiligen Landes zu bedienen. Die brasilianischen Scouts hatten einige Touren durch die Region organisiert, bei denen sie ihren deutschen Altersgenossen Besonderheiten der heimischen Fauna und Flora erklärten. Highlights im Nationalpark waren das Bad in den Wasserfällen sowie die zufällige Begegnung mit einer kleinen Affenfamilie. Sehr interessant und anschaulich war außerdem der Besuch einiger Farmen und Personen, die sich in unterschiedlichem Maße dem Ökotourismus verschrieben haben. Die Bandbreite reichte von einem noblen Hotel, das seinen Gästen neben gemütlichen Räumlichkeiten und natürlichen Entspannungsangeboten ein komplettes Recycling der Abfälle garantiert, über eine Farm mit eigener Milch- und Käseproduktion bis hin zu einer Frau, die sich auf den Anbau und die Wirkung von Heilkräutern spezialisiert hat.

 

Die deutschen Peers mussten sich durch die große räumliche Distanz andere Präsentationsmöglichkeiten ausdenken. Über die Darstellung typischer Charaktere verschiedener Alterklassen aus ihrem Bekanntenkreis gelang es ihnen zugleich spielerisch wie auch informativ ein Bild ihrer ostfriesischen Heimatregion zu zeichnen.

 

Neben den Deutschen waren auch drei Afrikaner des neuen Kooperationspartners zu Besuch. Durch die kurze Dauer der Zusammenarbeit, waren sie leider zahlenmäßig wie inhaltlich unterpräsentiert. Dennoch waren sie eine große Bereicherung für das Treffen, und ich hatte unglaublich spannende Gespräche und Erlebnisse mit ihnen. Durch das große Interesse der Afrikaner an der Capoeira wurde mir noch mal deutlich, dass gerade die Capoeira durch ihre afro-brasilianischen Wurzeln eine hervorragende Schnittstelle in der Kooperation zwischen Brasilien und Afrika bietet.

 

Ein Erlebnis der besonderen Art war der Besuch einer Candomblé Gemeinde. Candomblé ist eine der afro-brasilianischen Religionen, die in Brasilien praktiziert werden. Der Afrikaner Paul, der lange Zeit als christlicher Priester in Südafrika arbeitete, inzwischen jedoch keiner christlichen Kirche mehr angehört, hatte um diesen Kontakt gebeten. Ich selbst, hätte mich sonst wahrscheinlich nie getraut, diesen Wunsch zu äußern, um nicht als Religionstourist abgestempelt zu werden. Ich habe die Chance jedoch genutzt, der Zeremonie beizuwohnen. Die Candomblé Anhänger haben uns sehr herzlich empfangen, Hintergründe ihrer Religion und ihrer zahlreichen Schutzgötter erläutert, mit uns gemeinsam gespeist und uns schließlich sogar an einem Ritual teilnehmen lassen. Paul wurde als Gast aus Afrika besondere Ehre zuteil. Es war eine unglaublich intensive Erfahrung, einer für uns Westeuropäer so fremdartige Kultur hautnah mit zu erleben.

 

Mehr Informationen über Candomblé findet Ihr bei Wikipedia.

 

CAPOEIRA:

 

Die Capoeiragruppe ist leider nicht so, wie ich es mir vorgestellt habe. Mestre Claudio macht nur seine kleinen Workshops in den psychiatrischen Kliniken. Auf Grund gestrichener Gelder der Prefeitura gibt es schon länger kein Training mehr in Resende. So unterrichten lediglich Dedé und zwei weitere Professores in den umliegenden Dörfern. Da es kein Erwachsenentraining gibt und die Kommunikation untereinander eher mangelhaft ist, gelingt es dem Mestre leider nicht, die Gruppe zusammen zu halten. Folglich fehlt die Gemeinschaft als wichtiger Bestandteil der Capoeira. 

Aber gerade weil ich eben keine klassische Entwicklungshilfe, sondern einen Freiwilligendienst im Rahmen eines Bildungsprogramms leiste, kann ich schlecht die fehlende Capoeirainfrastruktur aufbauen, zumal die Gruppe selbst so wenig Eigeninitiative zeigt. Ich kann den Mestre und Dedé nur immer wieder ermuntern, selber aktiv zu werden und nicht ausschließlich auf finanzielle Hilfe aus Deutschland zu hoffen. Eine Kooperation funktioniert nur dann, wenn die Strukturen vor Ort einigermaßen stabil sind. Ich helfe, wo ich kann, aber es fehlt eine Basis, auf die ich aufbauen kann! Da gab es eine klare Fehlkommunikation zwischen dem Mestre und meinem deutschen Verein. Es ist mir klar, dass die Politik in Brasilien so unbeständig ist, dass es schwierig ist, eine nachhaltige Förderung zu bekommen, aber wenn sie ausschließlich auf deutsche Projektgelder bauen, begeben sie sich in eine totale Abhängigkeit, und das ist für beide Seiten ein ungesundes Verhältnis!

Für mich persönlich ist es schade, dass es kein Erwachsenentraining gibt. Denn selbst wenn einige Kinder ein hohes Niveau haben, ist es mit Erwachsenen ein anderes Spiel. Morgen bin ich jedoch zu einer Batizado einer anderen Gruppe in Resende eingeladen. Vielleicht kann ich diesen Kontakt zumindest Privat nutzen.

Mein deutscher Verein kann all diese Probleme verstehen. Ich bin deshalb nicht fest an den Mestre gebunden und kann schauen, ob ich mich auch anderweitig irgendwie für das Kooperationsprojekt oder die Dorfgemeinde einsetzen kann. Ich möchte versuchen gemeinsam mit Léa, unserer Ansprechpartnerin und Projektkoordinatorin in der Schule, ein Konzept für ein Jugendzentrum in Mauá zu entwickeln. Außer einem Fußballfeld haben die Kinder nämlich keinen Aufenthaltsort, weshalb sie viel zu früh mit ihren Vätern und Tanten in den Bars landen, wo sie sich massenweise Pinga und Bier in den Schlund gießen. Ein Jugendzentrum könnte ein neuer Treffpunkt werden und sowohl der Capoeiragruppe als auch dem Peerleaderprojekt zwischen Brasilien, Afrika und Deutschland zu Gute kommen. Beide Projekte halte ich nach wie vor für sinnvolle Freizeitangebote, die den Kindern und Jugendlichen zugleich Disziplin und Selbstbewusstsein vermitteln sowie neue Möglichkeiten für die Zukunft eröffnen können.

 

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