Mo
28
Sep
2009
Stand der Dinge
Auf vielfache Nachfrage ein kleines Update über mein Leben in Brasilien
Arbeit:
Die Arbeit ist abwechslungsreich und macht Spaß. Ich habe bisher keine eigenverantwortlichen Aufgabenbereiche, aber das ist mir in der Eingewöhnungsphase auch ganz recht so.
An zwei Tagen in der Woche begleite ich Dedé beim Traning in den Schulen in Mauá. Die Räumlichkeiten sind leider mangelhaft. Wir trainieren draußen auf rauem Betonfußboden unter einem löchrigen Wellblechdach. Bei schönem Wetter und mit etwas Hornhaut an den Füßen ist das nicht weiter schlimm. Bei Regen ist das leckende Dach jedoch sehr störend. Ich frage mich, wie das in der nahenden Regenzeit werden soll. In den Sommermonaten wird es zwar wärmer, aber es regnet jeden Tag. Wie gut haben wir es doch in unseren deutschen Schulen mit gut ausgestatteten Turnhallen. So üben die Kids ihre Salti und Flick Flacks auf dem harten Boden, was sie jedoch nicht weiter zu stören scheint. Sie kennen ja nicht unsere weichen Gymnastikmatten... Das Training findet außerhalb des Schulunterrichts statt und ist so ziemlich das einzige regelmäßige Freizeitangebot, das für die Kinder hier im Dorf bereitgestellt wird. Trotzdem hat die Prefeitura, also die kommunale Regierung, schon vor einigen Jahren die Gelder gestrichen. So kämpft sich Dedé zurzeit ohne Geld durch, was sich auf lange Sicht jedoch nicht so weiterführen lässt. Es müssen unbedingt Projektgelder akquiriert werden!
An einem Nachmittag unterstütze ich Mestre Claudio bei seinem Jugendtheaterprojekt ebenfalls an dem Collegio in Mauá. Es handelt sich um „Puxada de rede", eine Theaterform, die aus der Capoeira stammt. Mestre Bimba, einer der großen Meister der Capoeira, hat „Puxada de rede" in die Capoeira integriert, um der Öffentlichkeit zu zeigen, dass die Capoeira auch eine Kunstform ist. Das Theater stellt in Form verschiedener Lieder, Rhythmen und Tänze das Leben brasilianischer Fischer dar. Die Capoeira hat bis heute keinen leichten Stand in der Brasilianischen Gesellschaft, da sie von den Sklaven als Auflehnung gegen die Herren entwickelt wurde. Noch immer wird ihr Gewalt, Kriminalität und eine enge Verknüpfung mit religiösen Kulten nachgesagt. Dabei ist die Capoeira eine relativ friedfertige Kampfsportart, bei der man den Gegner bzw. Mitspieler kaum berührt. Das Projekt wird im Rahmen von ProJovems, einem Bildungssozialprogramm der Prefeitura, gefördert.
An den beiden verbleibenden Tagen besuche ich gemeinsam mit dem Mestre drei psychiatrische Kliniken in der Stadt Resende: eine Kinder- und Jugendklinik, eine psychiatrische Klinik für Erwachsene und eine Entzugsanstalt für Erwachsene mit Suchtproblemen. Die Kliniken sind alle drei ambulant und stellen folglich nur ein Tagesangebot bereit. Bei unseren Workshops bieten wir im Rahmen der Möglichkeiten verschiedene Elemente aus der Capoeira an. In der Erwachsenenklinik beschäftigen wir uns hauptsächlich mit „Puxada de rede", in der Entzugsanstalt stellt der Mestre zusätzlich zu Musikinstrumenten auch Material für kunsthandwerkliche Arbeit bereit und mit den Kindern spielen wir gelegentlich auch einfach Fußball.
An den Wochenenden finden regelmäßig Capoeirapräsentationen bei verschiedenen Veranstaltungen in der Umgebung statt, die oft von einem Churrasco (Grillen), einem kleinen Fest und ganz bestimmt von einem eisgekühlten Bier gefolgt sind.
Vergangenen Freitag hatten wir das erste große Peer Leader treffen. Das Peer Leader Projekt ist der eigentliche Kern der Kooperation zwischen Brasilien, Deutschland und Afrika. Im Oktober kommt eine Gruppe Jugendlicher aus Ostfriesland sowie drei Leute aus Afrika für zwei Wochen zu besuch. Die Deutschen werden unter anderem ein Theaterstück präsentieren. Die brasilianischen Peer Leader haben am Freitag einige Programmpunkte geplant, Plakate gebastelt und eine kleine Theaterpräsentation über das Leben in Mauá einstudiert. Auch unsere Theatergruppe wird ihr Stück aufführen. Ich bin sehr gespannt auf den Besuch.
Wohnen:
Tja, das Wohnen... Jeder, der mal längere Zeit in der Fremde war, weiß, wie wichtig ein Rückzugsort zum Kraft tanken ist, um den vielen neuen Eindrücken gewachsen zu sein. Und dieser Raum fehlt.
Wie gesagt, wir drei haben uns gut miteinander arrangiert, aber wir könnten kaum unterschiedlicher sein. Die beiden Jungs sind 19 Jahre alt und frisch aus der Schule entlassen. Natürlich haben
sie andere Bedürfnisse als ich. So freuen wir uns einerseits über die Gesellschaft, haben jedoch auch mit einigen Konfliktpunkten zu kämpfen. Außerdem schlafen regelmäßig Dedé und andere
Capoeiralehrer nach dem Abendtraining bei uns im Haus, weil nach 19 Uhr kein Bus mehr in die Stadt fährt. Ich finde es schwierig, besuch zu empfangen, wenn man sich selbst noch gar nicht zu hause
fühlt.
Außerdem ist es nicht einfach, im Dorf Freunde zu finden. Es gibt wenige Leute in meinem Alter. Die Menschen, die mir sympathisch sind, leben meistens weit verstreut in den Dörfern und sind ohne Auto schlecht zu erreichen. Darum habe ich mich endgültig entschlossen, in die Stadt zu ziehen. Unter der Woche kann ich hier im Dorf umsonst in einem Lehrerhaus wohnen. Das Pendeln zwischen zwei Wohnungen ist sicherlich auch ermüdend, aber in Resende wird es hoffentlich leichter sein, Freundschaften zu schließen.
Noch habe ich jedoch kein Zimmer in Resende gefunden. Die Wohnungssuche ist anstrengend, macht aber auch Spaß. Hier gibt es natürlich kein Internetportal wie WG-gesucht. Auch Wohnungsanzeigen sind eher unüblich. Es läuft besser über Mund zu Mund Propaganda. Auf diesem Wege mache ich neue Bekanntschaften. So fragte ich zum Beispiel eine Bekannte im Dorf, ob sie jemanden in der Stadt kennt, der ein Zimmer zu vermieten hat. Und sie gab mir eine Telefonnummer von einer Freundin. Ich dachte, diese Frau hätte ein freies Zimmer. Aber in Wirklichkeit hat sie mir einfach nur Hilfe bei der Suche angeboten, obwohl ich sie kein Stück kenne. So sind sie, die Brasilianer - super hilfsbereit und gastfreundlich!
Ebenso in der Klinik. Ich erklärte meine Situation und fragte nach einem Zimmer, und prompt sagte eine Kollegin, sie hätte Interesse sich was zu teilen, weil sie zurzeit immer aus einer anderen
Stadt pendeln muss. Eine andere ältere Kollegin sagte, sie hätte vielleicht ein Zimmer zu vermieten und zeigte es uns sogleich. Das Zimmer wäre tatsächlich eine Option, aber natürlich wäre man
nicht ganz unabhängig. Mit gleichaltrigen wäre es noch schöner. Das alles macht mir nun große Hoffnung. Aber ich fürchte, ich muss noch einen weiteren Monat in diesem Provisorium leben, bis ich
was Passendes gefunden habe. Hatte eigentlich gehofft, im Oktober eine Bleibe gefunden zu haben. Aber nun muss ich noch etwas geduldig bleiben.
Ich halte Euch Weiterhin auf dem Laufenden und freue mich immer über Nachricht aus der Heimat!