Di
01
Sep
2009
Einen ganzen Monat...
... bin ich nun schon in Brasilien. Unglaublich, wie schnell die Zeit vergeht! Inzwischen hat sich ein gewisser Alltag eingependelt, über den ich heute berichten möchte.
Wohnen:
Ich teile mir noch immer das Haus mit Nico und John und werde wohl auch noch den ganzen September über hier wohnen bleiben. Wir verstehen uns gut, möchten jedoch alle drei lieber mit Brasilianern
oder alleine wohnen. Wir sind darum weiterhin auf der Suche nach einer anderen Lösung.
Das Haus ist recht gemütlich, und wir haben einen herrlichen Ausblick von unserer Veranda auf die Berge. Dennoch müssen wir uns an den mangelnden Komfort gewöhnen: Das Toilettenpapier wird in Brasilien grundsätzlich nicht IN das Klo, sondern in einen Eimer daneben geschmissen. Bei den Duschen muss man Glück haben, dass man die richtige Einstellung für warmes Wasser findet. Stromausfall ist keine Seltenheit, und am Wochenende mussten wir ein paar Stunden ohne fließendes Wasser auskommen. Die mangelnde Küchenausstattung und Möblierung sind natürlich in erster Linie auf unsere weite Anreise zurückzuführen. Aber auch sie verlangen uns einige Improvisationskünste ab.
Eine Waschmaschine haben wir nicht. Das Von-Hand-Waschen bleibt uns jedoch erspart. Im Dorf ist es üblich, dass die Leute mit Waschmaschine gegen einen geringen Geldbetrag für andere Leute mit
waschen.
Arbeit:
Die Schule hat wieder begonnen, so dass wir erste Einblicke in unserer Arbeitsfelder bekommen konnten. Wie wohl bei den meisten Freiwilligendiensten sind wir nicht in
festgesetzte Strukturen gekommen und werden unsere Aufgaben erst im Laufe der nächsten Wochen in Absprache mit unseren Koordinatoren konkretisieren.
Zunächst einmal begleite ich zwei Tage die Woche Kontramestre Dedé beim Capoeiratraining in der Schule hier in Mauà.
An einem Nachmittag unterstütze ich Mestre Claudio bei seinem Theaterprojekt am Colégio.
An den zwei verbleibenden Tagen gehe ich mit Mestre Claudio in der Stadt Resende in drei verschiedene ambulante psychiatrische Kliniken. Im Rahmen der Möglichkeiten bieten wir verschiedene Aktivitäten in Zusammenhang mit der Capoeira an, müssen uns dabei jedoch stark auf die eingeschränkten Fähigkeiten der Patienten einstellen.
Darüber hinaus ist angedacht, dass ich den fortgeschrittenen Capoeiristas einmal pro Woche Englischunterricht gebe. Meine Woche ist also bereits sehr ausgefüllt.
Die Fahrerei zwischen Dorf und Stadt ist sehr zeitaufwendig. Eine einfache Fahrt dauert 1,5 Stunden. Die Busse fahren nur ca. fünfmal täglich zwischen 7 und 19 Uhr. Da zurzeit kein Training in der Stadt stattfindet, würde auch der Umzug nach Resende keinen Vorteil bringen. Folglich bin ich am Überlegen, im Dorf wohnen zubleiben. Dann bliebe ich auch vor der großen Hitze im Sommer verschont.
Am Sonntag hatten wir hier im Dorf eine Kinder Batizado. Das ist eine Capoeirataufe, bei der die Schüler eine höhere Kordel (wie bei anderen Kampfsportarten einen Gürtel) verliehen bekommen. Alle Capoeiristas unter Euch können daraus schließen, dass es sich leider um keine Angola Gruppe handelt. Ich muss mich also mal wieder einem neuen Capoeirastil anpassen... Aber besonders mit den Kindern macht es mir dennoch viel Spaß, und die Batizado bei herrlichstem Sonnenschein und mit anschließendem Churrasco (brasilianisches Grillen) war großartig.
Essen:
Sowohl beim Mestre in Resende als auch im Colégio bekomme ich mittags eine warme Mahlzeit. Das Essen ist lecker, aber es gibt tatsächlich jeden Tag Bohnen und Reis. In einem Jahr wird mir sicherlich
beides zum Hals raushängen...
Klima:
Von wegen in Brasilien ist es immer warm und scheint die Sonne! Hier in den Bergen auf 1000 m Höhe kann es richtig kalt werden. Jetzt im Winter ist es nachts oft um den Gefrierpunkt. Ohne Holz für
den Kamin bringt das manch fröstelnde Abende mit sich.
Tagsüber dagegen kann die Sonne sehr heiß sein. Nico und ich hatten beide bereits unter Sonnenbrand zu leiden. Dieser große Temperaturunterschied ist sehr gewöhnungsbedürftig.
Die letzte Woche hat es nur geregnet. Da konnten wir uns also nicht mal tagsüber aufwärmen. Dafür ist es jetzt wieder umso schöner!
Sprache:
Die Verständigung klappt erstaunlich gut. Ich bin froh, dass ich schon so gute Basiskenntnisse mitgebracht habe, denn hier oben spricht kaum jemand englisch oder deutsch. Wir haben das Glück, dass
hier im Dorf ein Sprachlehrer wohnt, der uns dreien kostenlos Unterricht gibt und im Gegenzug lediglich manchmal mit uns deutsch reden will. Reginaldo ist ein sehr redseliger und spezieller Mensch,
der unglaublich viel weiß und uns in zwei Stunden sehr viel beibringt. Außerdem hat er eine gute Bibliothek und DVD Auswahl, die er uns großzügig zur Verfügung stellt.
Freizeit:
An Freizeitbeschäftigungen mangelt es nicht. Die Dorfbewohner laden uns regelmäßig zum Churrasco ein oder nehmen uns zu Veranstaltungen mit. Letztes Wochenende war ich bei einem Dorffest Forró
(brasilianischer Paartanz) tanzen, am vergangenen Samstag war ich bei einer großartigen Tanzaufführung in Resende. Darüber hinaus bekommen wir regelmäßig gebetene wie ungebetene Gäste, so dass es
manchmal schwer fällt, ein wenig Zeit für sich alleine zu finden. Aber im Großen und Ganzen freuen wir uns natürlich über die Herzlichkeit und das entgegengebrachte Interesse.
An einem Wochenende habe ich bereits einen Ausflug nach Rio gemacht. Dort habe ich einige Freunde aus meiner Hannoveraner Capoeiragruppe Nzinga getroffen, die gerade ein paar Wochen mit Mestre Paulo Siqueira durch Brasilien reisen. Gemeinsam mit ihnen habe ich an einem Workshop bei Mestre Marrom teilgenommen. Zunächst etwas verängstigt durch zahlreiche Gruselgeschichten über die hohe Kriminalitätsrate habe ich mich durch den direkten Kontakt mit den Einheimischen innerhalb weniger Stunden einigermaßen sicher gefühlt und weiß nun, an welchen Orten ich mich relativ bedenkenlos in dieser ambivalenten Millionenstadt aufhalten darf. Der Workshop war super, die Leute unheimlich nett und die Stadt sehr beeindruckend. Stadt, Berge, Sonne, Strand und Meer gekoppelt mit Capoeira, Samba und Forró - das ist das Brasilien, wie man es sich vorstellt!
Soviel für heute. Ich hoffe, ich konnte Euch mein Leben hier etwas veranschaulichen und einen Teil der neugierigen Nachfragen beantworten. Fotos findet Ihr ab sofort unter Blog > Fotos.
Es lohnt sich auch immer auf Nicos Blog zu schauen. Er schreibt sehr regelmäßig und ausführlich über unsere gemeinsamen Erlebnisse.
Um abraço e até logo,
Rebekka